Kultur mit allen

Fachtagung: Die Interkulturelle Öffnung der Stadt

Neue Herausforderungen für die Kultur- und Bildungseinrichtungen in der vielkulturellen Gesellschaft

Mittwoch, 14. November 2012, 17 bis 21 Uhr
Rathaus Augsburg, Oberer Fletz
Eintritt frei, keine Anmeldung

Info: Kresslesmühle, Barüßerstraße 4
Telefon 0821-37170, www.kresslesmuehle.de

Die durch Individualisierung, Migration und Globalisierung veränderte moderne Stadtgesellschaft beinhaltet große Herausforderungen für die Einrichtungen der Kommunen. So haben zum Beispiel 40 Prozent der in Augsburg lebenden Menschen eine Migrationsgeschichte. Sich dieser neuen Vielfalt zu öffnen, heißt, sie auf einem soliden gemeinsamen Fundament zu fördern und als Chance für die Entwicklung der Stadt zu begreifen. Der gleichberechtigte Zugang aller Bürgerinnen und Bürger am kulturellen, sozialen, religiösen und politischen Leben ist eine Aufgabe, der sich alle Institutionen der Städte stellen müssen. Die interkulturelle Öffnung der Stadt Augsburg und ihrer Einrichtungen steht an. Der Öffnungsprozess der Kultureinrichtungen spielt dabei eine zentrale Rolle.

Mit der Tagung Die Interkulturelle Öffnung der Stadt möchten das Referat Oberbürgermeister, das Kulturreferat und die Interkulturelle Akademie am Beispiel der interkulturellen Ausrichtung der Kulturpolitik Augsburgs Handlungsansätze und praktische Perspektiven für diesen Prozess mit den Beteiligten und ausgewählten Fachleuten diskutieren und entwickeln.

Wie für die Wirtschaft, so gilt auch für den Kultur- und Bildungsbereich: Es wird nur überleben, was nachgefragt wird. Kultur- und Bildungseinrichtungen, seien es Bühnen, Konzerthäuser, Museen oder aber Volkshochschulen und Bibliotheken, brauchen Zuschauer und Nutzer. Dies gilt für öffentlich geförderte Häuser einerseits, um ihre gesellschaftliche Funktion wirksam zu erfüllen und ihre Finanzierung zu legitimieren.
Andererseits, um sich zunehmend selbst zu finanzieren, denn Einnahmen als Eigenanteil an ihrer Finanzierung werden für die wirtschaftliche Absicherung immer wichtiger. Und noch stärker gilt dies für privat betriebene Institutionen, denn ihr Publikum beziehungsweise ihre Nutzer sind ihre Haupteinnahmequelle und dienen entsprechend der Existenzsicherung. Grundlegend ist demzufolge vor allem die Entwicklung eines „Nutzungsbedarfs“ für die Einrichtungen und ihre Angebote.

Diesem Bedarf, die Institutionen mit Publikum beziehungsweise Nutzern zu füllen, steht die Erfahrung gegenüber, dass Interesse kein unbegrenzt verfügbares Gut ist, sondern eine knappe Ressource. Wie aber kann Nachfrage generiert werden? In vielen Institutionen werden hierfür eine gesteigerte Besucherorientierung und ein gezieltes Umwandeln ihrer traditionellen „Angebotsorientierung“ in eine „Nachfrageorientierung“ notwendig sein.
Ein solches „Audience Development“ ist in Deutschland bislang nicht weit verbreitet. Wenn diesbezüglich Bemühungen stattfinden, beziehen sie sich bislang zumeist auf die Gruppe derjenigen, die bereits häufig Kultur- und Bildungsangebote nutzt. Zukünftig muss zudem verstärkt versucht werden, diejenigen für Angebote zu gewinnen, die diese bislang nicht oder kaum nutzen.

Eine Bevölkerungsgruppe, die in diesem Kontext seit geraumer Zeit immer wieder in der öffentlichen Diskussion auftaucht, ist die der „Migranten“ beziehungsweise der „Personen mit Migrationshintergrund“. Obwohl der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund an der Gesamtbevölkerung in vielen Großstädten sehr hoch ist, nimmt diese Gruppe bislang anscheinend wenig am kulturellen Leben in Deutschland teil und nutzt Bildungsangebote anscheinend nur bedingt. Für den Kultur- und Bildungsbereich stellt sich die Frage, inwieweit sie diese sicherlich nicht homogene Gruppe als potenzielles Publikum beziehungsweise potenzielle Nutzer gewinnen können.
 
Veranstalter
Stadt Augsburg, Referat Oberbürgermeister und Kulturreferat, Kulturhaus Kresslesmühle/Interkulturelle Akademie.
 
Zielgruppen der Tagung
Die Tagung wendet sich an die Führungskräfte und die Mitarbeiter aller Kultur-, Bildungs- und Sozialeinrichtungen, an alle Akteure aus dem Bereich der kulturellen Bildung, an Kulturvermittler, Kultur- und Bildungspolitiker, an Entscheider und Beschäftigte im Kontext von Diversity-Management, Integration und interkultureller Kompetenz, an Fachkräfte aus Migrations- und Integrationsprogrammen, an Vertreter von Migrantenorganisationen, an Journalisten aus dem Sozial- , Bildungs- und Kulturbereich, an Künstler und Kulturschaffende, an Wissenschaftler und Studierende und an Interessierte aus der Stadtgesellschaft.


Kritik der Augsburger Allgemeinen vom 16. November 2012

Kultur – eine Frage des Milieus

Migration Eine Augsburger Tagung geht der Frage nach, wie traditionelle Kulturinstitutionen dem gesellschaftlichen Wandel begegnen können

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Tagungsablauf

17.00 Uhr, Begrüßung
Peter Grab, Bürgermeister und Kulturreferent
Moderation: Angela Bachmair, Kulturjournalistin

17.15 bis 18.00 Uhr, Einführender Vortrag
Vera Allmanritter,
ehemalige Koordinatorin des Zentrums für Audience Development (ZAD) an der Freien Universität Berlin

Kultur mit allen – Migranten als Publikum von Kulturinstitutionen

Warum sollen sich Kulturinstitutionen mit dem Thema „Migranten“ beschäftigen? Was bedeutet „Audience Development“ und wie kann man damit migrantisches Publikum für sein künstlerisches Angebot begeistern, wie kann man es besser an sich binden, wie erschließt man möglicherweise völlig neue Publikumsschichten? Dieser Vortrag wird die aktuellen Forschungsergebnisse zu diesem Thema beinhalten und exemplarisch Erfahrungen von Kulturinstitutionen mit ihrer Arbeit für beziehungsweise mit Migranten vorstellen. Praxisorientiert sollen hierbei Anregungen für Kulturinstitutionen gegeben werden, die sich intensiver mit dem Thema „Migranten“ beschäftigen möchten.

18.00 bis 19.00 Uhr, Vertiefender Vortag mit aktuellen Ergebnissen
Prof. Birgit Mandel, Kulturwissenschaftlerin, Institut für Kulturpolitik, Universität Hildesheim

Interkulturelles Audience Development

Strategien und Potenziale für interkulturelle Veränderungsprozesse öffentlicher Kultureinrichtungen

Wie gelingt es, neues, kulturell diverses Publikum zu gewinnen für öffentliche, sogenannte „Hochkultur“-Einrichtungen und mehr noch: Wie gelingen interkulturelle Veränderungsprozesse in den Einrichtungen? Anhand vorliegender empirischer Ergebnisse werden Ziele, Potenziale und Barrieren sowie mögliche Strategien dargestellt, um mehr Menschen unterschiedlicher sozialer Milieus und Herkunft als Nutzer und Akteure für Kultureinrichtungen zu gewinnen.

19.00 Uhr bis 19.30 Uhr, Pause

19.30 bis 21.00 Uhr, Workshop mit den Referentinnen

Konkrete Handlungsempfehlungen und zentrale Strategien eines Interkulturellen Audience Development

Neue Programme und Formate, Kooperation, Partizipation, innerbetriebliche Change Management-Prozesse.


Referentinnen der Fachtagung

Vera Allmanritter, geboren 1979 in Frankfurt/Main studierte Politikwissenschaft, Englisch und Pädagogik (Magister) sowie Sozialkunde und Deutsch (Lehramt für Gymnasium) an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Von 2005 bis 2006 war sie wissenschaftliche Angestellte am Institut für Politikwissenschaft an der Gutenberg-Universität Mainz. Von 2006 bis 2008 studierte sie Arts and Media Administration (Master) an der Freien Universität Berlin. Von 2008 bis 2010 arbeitete sie zunächst als Projektmitarbeiterin, 2009 bis Ende 2010 als Koordinatorin des Zentrums für Audience Development am Institut für Kultur- und Medienmanagement der Freien Universität Berlin. Seit Anfang 2011 ist sie Referentin der Stiftung der Deutschen Wirtschaft. Sie promoviert an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg zum Thema „Migranten als Publikum von Kulturinstitutionen“.

Autorin von Publikationen im Themenbereich „Migranten als Kulturpublikum“,
unter anderem:
Migranten als Publika in öffentlichen deutschen Kulturinstitutionen. Der aktuelle Status Quo aus Sicht der Angebotsseite.; Institut für Kultur- und Medienmanagement: Berlin, 2009 (Onlinepublikation).
Kultur mit allen! Wie öffentliche deutsche Kultureinrichtungen Migranten als Publikum gewinnen; B&S Siebenhaar Verlag: Berlin, 2010 (zusammen mit Prof. Dr. Klaus Siebenhaar).

Prof. Dr. Birgit Mandel, geboren 1963, ist Diplom-Kulturpädagogin und Professorin für Kulturvermittlung und Kulturmanagement an der Universität Hildesheim. Sie war im Bereich Öffentlichkeitsarbeit für verschiedene Kulturprogramme und -einrichtungen in Berlin tätig, unter anderem für die Berliner Festspiele, den Berliner Kultursenat, das Theater Bar jeder Vernunft und die GmbH Wissenschaft im Dialog. Seit 1993 war sie parallel auch auf einer halben Stelle an der Universität Hildesheim beschäftigt; seit 2008 ist sie dort Professorin am Institut für Kulturpolitik und Studiengangsleitung für den Bachelorstudiengang Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis sowie den Masterstudiengang Kulturvermittlung. Sie verantwortet diverse Forschungsprojekte in den Bereichen Audience Development, Kulturbesucherforschung, Kultur-PR und Kulturmarketing, Kultur und Arbeitsmarkt, Theorie des Kulturmanagements und ist Herausgeberin der Forschungsplattform: www.kulturvermittlung-online.de sowie Autorin zahlreicher Publikationen in Kulturmanagement und Kulturvermittlung, unter anderem: Tourismus und Kulturelle Bildung. Potentiale, Voraussetzungen, Praxisbeispiele und empirische Erkenntnisse –  München 2012. PR für Kunst und Kultur. Handbuch für Theorie und Praxis (Hrsg.): Audience Development, Kulturmanagement, Kulturelle Bildung. Konzeptionen und Handlungsfelder der Kulturvermittlung – München 2008.  (Hrsg.): Kulturvermittlung. Zwischen kultureller Bildung  und Kulturmarketing. Eine Profession mit Zukunft. Bielefeld 2005.

Sie ist Mitglied im Vorstand der deutschsprachigen Vereinigung für Kulturmana-gement in Forschung und Lehre e. V., Vorstandsmitglied der Kulturpolitischen Gesellschaft, Aufsichtratsmitglied der Kulturprojekte Berlin des Berliner Kultur-senats, Kuratoriumsmitglied der Commerzbankstiftung; sie ist im Beirat der ersten wissenschaftlichen Publikationsreihe Kulturelle Bildung des Kopäda-Verlags München und im wissenschaftlichen Beirat des Projekts Kulturagenten der Kulturstiftung des Bundes und der Mercator Stiftung.


Publikation von Prof. Dr. Birgit Mandel

Interkulturelles Audience Development?

Barrieren der Nutzung öffentlicher Kulturangebote und Strategien für kulturelle Teilhabe und kulturelle Vielfalt

von Birgit Mandel; in: Zeitschrift für Politik und Kultur, Deutscher Kulturrat, Berlin 2011

Der wachsende Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund ist eines der aktuell meistdiskutierten kulturpolitischen Themen, - ganz offensichtlich ist auch im Kultursektor das Bewusstsein gewachsen, dass damit der Kulturbetrieb in Deutschland vor grundlegenden Herausforderungen steht. Dabei geht es keineswegs nur um die Frage, wie wir mehr Menschen mit Migrationshintergrund als Besucher in unsere öffentlich finanzierten Kultureinrichtungen bekommen. Unter einer interkulturellen Perspektive stellt sich für den deutschen Kulturbetrieb viel mehr die substanzielle Frage, wie der kulturelle Reichtum, den die etwa 20 Prozent Mitbürger migrantischer Herkunft in unsere Kultur einbringen, erschlossen werden kann. Hier dürfte die wesentliche Aufgabe für ein noch zu entwickelndes „Interkulturelles Audience Development“ liegen.

Der öffentliche Kultursektor, der in Deutschland lange relativ unbeeinträchtigt vom realen Leben ein exklusives Nischendasein geführt hat, könnte mit den neuen Herausforderungen zugleich auch wieder mehr gesellschaftliche Relevanz erlangen, indem er eine Brückenfunktion übernimmt für die interkulturelle Verständigung. Die Dialogfunktion von Kunst könnte sich positiv auch auf andere gesellschaftliche Bereiche auswirken, jedoch nur dann wenn relativ breite Bevölkerungsanteile, über eine Kunstelite hinaus, damit in Berührung kommen.

Kulturnutzung von Menschen mit Migrationshintergrund – Ergebnisse der Besucherforschung

Trotz diverser Studien zur Migration und Integration in Deutschland, häufig mit Fokus auf wirtschaftliche Lage, Bildung und Religion, gibt es bislang keine auf Deutschland bezogenen repräsentativen empirischen Erkenntnisse zum Thema Kunst/Kultur und Migration. Aufgrund der begrenzten empirischen Erkenntnislage können darum nur einige vorläufige verallgemeinernde Hypothesen formuliert werden:

Kulturelle Nutzung hängt nicht vorwiegend von der ethnischen Herkunft ab, sondern von Bildung, sozialer Lage, Einstellungen und Herkunftsraum
Bei ähnlicher sozialer Lage haben Menschen mit Migrationshintergrund ein ähnliches Kulturinteresse wie diejenigen ohne Migrationshintergrund
Migranten sind aufgrund ihrer Erfahrungen zwischen den Kulturen besonders sensibel für die Wahrnehmung von Kunst und Kultur
Migranten wünschen sich stärkeres Interesse des Gastlandes an ihrer Herkunftskultur
Obwohl Menschen mit Migrationshintergrund ein ähnliches Interesse an kulturellen Angeboten haben, nutzen sie die öffentlichen Kultureinrichtungen signifikant weniger und sehen darin wenig Bezug zu ihrem Leben

Vom klassischen zum interkulturellen Audience Development

Welche Veränderungen müssten auf den verschiedenen Ebenen stattfinden, um eine Einrichtung interkultureller und vielfältiger zu gestalten? Wie kann ein “interkulturelles Audience Development” aussehen?

Die Funktion des Audience Development, die in England und den USA Mitte der 1990er Jahre entwickelt wurde, beginnt sich inzwischen auch in Deutschland als ein strategisches Instrumentarium des Kulturmarketings und als ein Ziel öffentlicher Kulturpolitik durchzusetzen. Audience Development meint die systematische Generierung und Bindung neuen Publikums bzw. neuer Nutzer für kulturelle Angebote.

Ansatzpunkte für ein interkulturelles Audience Development. Das Beispiel  „Diversity Management“ in Großbritannien

In diesem traditionellen Einwanderungsland gibt es bereits seit den 90er Jahren kulturpolitisch gesteuerte Pogramme, um Menschen mit Migrationshintergrund als Künstler und Kulturschaffende wie als Publikum am kulturellen Leben zu beteiligen. Die verschiedenen Arts Councils in GB haben dafür eine gemeinsame „Agenda for Cultural Diversity” erstellt, die u.a. in den „Cultural Diversity Action Plan“ mündete. Ziel ist es, den Kulturbereich „repräsentativer für das soziale und kulturelle Leben in GB zu gestalten”, also die Vielfalt der Gesellschaft auch im Kulturbetrieb widerzuspiegeln. Dabei wird der Begriff der Kulturellen Vielfalt „Cultural Diversity” bewusst sehr weit definiert und beschränkt sich nicht auf ethnische Vielfalt, sondern auch auf regionale Vielfalt, Geschlecht, Alter, Generation etc. (Arts Council England 2006, S. 144).

Aus den verschiedenen Auswertungsberichten der britischen Kultureinrichtungen lassen sich zusammenfassend folgende Elemente eines interkulturellen Audience Development u.a. ableiten:

Interkulturelles Audience Development muss auf der Leitungsebene starten und in der gesamten Unternehmenskultur verankert sein.
Interkulturelles Audience Development muss sich in der Personalstruktur widerspiegeln.
Interkulturelles Audience Development muss mit dem potentiellen neuen Publikum bzw. den Menschen aus den Mittlerorganisationen, Multiplikatoren und Key Workern direkt kommunizieren, sie nach ihren Wünschen fragen und sie persönlich einladen.
Interkulturelles Audience Development muss vielfältigste Kooperationsbeziehungen zu Institutionen aufbauen, die diesen Zielgruppen nahe stehen (von der Schule bis zu den Migrantenvereinen).
Interkulturelles Audience Development muss nicht nur in seiner Kommunikations-, Service-, Preis- und Distributionspolitik, sondern auch in seiner Programmgestaltung die Interessen der neuen Zielgruppen berücksichtigen.
Auch im Interkulturellen Audience Development muss die Individualität eines Künstlers und künstlerischer Produktionen über ethnischen Hintergründen stehen.
Es gibt keinen einseitig ethnisch geprägten Kunstmarkt oder Kunstsektor, sondern ein Cluster von variierenden Identitäten, die u. a. mit ethnischen Kulturen korrespondieren;
Ethnische Diversität ist nur eine Form von Diversität, darüber hinaus gibt es die Diversität von Kunst- und Kulturformen.
Und: Im Interkulturellen Audience Development gibt es nicht die eine Strategie für alle Kultureinrichtungen und Projekte, sondern es müssen jeweils passende Lösungen gefunden werden.

Wandel der Kulturinstitutionen unter interkultureller Perspektive

Der Kultursektor ist in besonderer Weise auf Einflüsse unterschiedlicher Kulturen angewiesen, um vital und relevant zu bleiben und seiner Musealisierung vorzubeugen. Migranten können neue Perspektiven in den Kulturbetrieb einbringen, sie haben einen anderen Kulturbegriff, andere Produktions- und Rezeptionsweisen, einen anderen Erfahrungshintergrund. Die Auseinandersetzug mit neuen Zielgruppen aus verschiedenen kulturellen und ethnischen Hintergründen bringt neue Impulse in eine Kultureinrichtung und kann auch künstlerische und kulturelle Produktionen sehr bereichen, wie die Erfahrungen der New Audience Development Programme in GB zeigen.

Die aktuelle Diskussion zum Thema Kulturelle Vielfalt, die zur Zeit an der Bevölkerungsgruppe der Migranten festgemacht wird, könnte der Beginn einer grundlegenden Umgestaltung unserer öffentlichen Kulturlandschaft und unserer Kulturinstitutionen in Richtung kultureller Vielfalt und stärkere Relevanz für die verschiedenen Gruppen unserer Gesellschaft sein. Denn es sind ja nicht nur Menschen mit Migrationshintergrund, die keine öffentlichen Hochkulturangebote wahrnehmen, sondern auch ein Großteil der „Deutschstämmigen“ sieht wenig Relevanz des öffentlich geförderten Kulturangebotes zum eigenen Leben.

Die Verfasserin ist Professorin des Studienbereichs Kulturmanagement und Kulturvermittlung am Institut für Kulturpolitik an der Universität Hildesheim

Veröffentlicht in: Politik und Kultur, Deutscher Kulturrat (Hg.), Berlin, Februar 2011.